Analyse (MEL): S.100, Z.408 – S 101,Z.446 (Abschied von Hubert)

Der vorliegende Auszug aus Irmgard Keuns Roman „Das kunstseidene Mädchen“ von 1932 beschreibt die Abwendung der Protagonistin Doris von ihrer Liebe Hubert und ihre zunehmend einsetzende Hinwendung zu ihrem Ziel eines gesellschaftlichen Aufstiegs durch eine Beziehung zu einem gut situierten Mann.

Thematik, Inhalt und der durch Unmittelbarkeit geprägte Erzählstil deuten darauf hin, dass es sich um einen Roman der neuen Sachlichkeit handelt.

Der Szene geht die Schilderung voraus, in der die Protagonistin Doris zum Direktor des Theaters bestellt wird. Die Ich-Erzählerin vermutet für ihr intrigantes Verhalten zur Rechenschaft gezogen zu werden und entzieht sich, indem sie einen Pelzmantel aus der Garderobe stielt und das Theater fluchtartig verlässt. Überraschend erfährt sie, dass ihre Jugendliebe Hubert sich mit ihr in einem Cafe treffen möchte. Im Anschluss an die vorliegende Textstelle ist Doris bereits nach Berlin geflohen und schildert ihre ersten Eindrücke der Großstadt.

Der vorliegende Textausschnitt beschreibt das Treffen von Doris mit Hubert, der offenbar beruflich gescheitert ist und Doris um finanzielle Hilfe ersucht. Noch bevor Hubert diese Bitte ausspricht, erkennt Doris bereits, dass Hubert sie nicht mehr liebt. Dennoch kommt es zum Beischlaf und einem letzten Versuch von ihr eine Beziehung mit ihm einzugehen. Als sie seine Enttäuschung über ihre ebenfalls problematische pekuniäre Situation realisiert, wendet sie sich mit einem Gefühl des Ekels von ihm ab und verlässt ihn, um schließlich enttäuscht und verwirrt in einem Park umherzuirren.

Die Beziehung zwischen Hubert und Doris erscheint von Anfang an nicht symmetrisch gewesen zu sein. Bereits vor dieser Szene ist deutlich, dass Hubert, der eine Beziehung mit einer zehn Jahre jüngeren Teenagerin eingeht, offenkundig nur ein sexuelles Interesse hat. So offenbart er seine bigotte Doppelmoral, als er Doris aufgrund ihrer einfachen Herkunft und fehlenden Jungfräulichkeit, die er ihr selbst genommen hat, als Gattin ablehnt (Z.230ff). Auch sein Ersuchen um finanzielle Hilfe bei ihrem Wiedersehen spricht für primär egoistische Motive bezüglich der Beziehung zu Doris. Allerdings scheint sich scheint sich das Rollenverhältnis in der vorliegenden Textstelle geändert zu haben, der bisher superiore Hubert ist zum mittellosen Bittsteller geworden. Diese Umkehrung empfindet Doris als „nicht gut“ (Z.400).

Indessen ist für Doris Hubert die erste große Liebe. Durch sein Verhalten setzt allerdings eine zunehmende Desillusionierung und die Erkenntnis, dass Hubert sie nicht heiraten wird ein (vgl. Z.230ff.). Dennoch empfindet sie weiterhin Liebe zu Hubert, um dessen Willen sie vor Therese weint und vor den sie keinesfalls in ihrem Regelmantel treten möchte, weshalb sie die den Pelzmantel stielt.

In der vorliegenden Szene werden ihre ambivalente Gefühlslage und die zunehmende Erkenntnis der Illusion sprachlich zum Ausdruck gebracht. So beschreibt Doris Hubert in bildhafter Sprache als „gestorbene Erinnerung“ (Z.410) und gesteht sich ihre eigene Naivität ein, indem sie ihn als „Photographie“ (Z.412) bezeichnet. Schließlich reduziert sie ihn sogar auf diesen Begriff einer selbst geschaffenen Illusion, wenn sie sagt, dass sie mit „einer Photographie geschlafen hat“ (Z.415). Doris offenbart hier, dass ihre Gefühle einem Traumbild gelten und nicht dem realen Hubert. Dies erscheint charakteristisch für ihre gesamte Situation im Roman, die von der Diskrepanz der tatsächlichen Situation und der Selbstwahrnehmung der Protagonistin geprägt ist.

Ihre emotionale Aufgewühltheit wird in der parataktischen und elliptischen Sprache deutlich, die teilweise in einen Gedankenstrom mündet (vgl. Z.408-419). Zahlreiche asyndetische Reihungen und Chiasmen (Z.410) verstärken diesen Eindruck. Der häufige Einsatz der Konjunktion „und“ zeigt ihre nicht vorhandene Eloquenz, macht ihre Schilderungen aber auch authentisch – ebenso wie ihre bildhafte Sprache. Dies ist typisch für Doris, deren Emotionen sehr unmittelbar geschildert werden. Das Eingeständnis der eigenen, naiven Liebe und ihrer inneren Zerrissenheit drückt sie daher durch metaphorische, sehr assoziative Wendungen aus: „ich wollte Gefühle aus mir reißen für ihn“ (Z.411). Gleichzeitig empfindet sie Scham und bemüht sich ihre Naivität zu überspielen, indem sie ihre sexuelle Hingabe äußerst nüchtern schildert: „und ging dann mit ihm“ (Z.415). Diese und ihr Angebot einer Partnerschaft ohne finanzielle Mittel können als letzter verzweifelter Versuch gedeutet werden, die Gewissheit seiner nicht vorhandenen Liebe für sie zu leugnen.

Als sie schließlich Ekel für Hubert empfindet, dessen Interesse offenbar nur pekuniärer Art ist, verlässt sie ihn fluchtartig. Dabei kann das erwähnte Waschen des Gesichts als Versuch einer geläuterten Abkehr und eines Neuanfangs („macht eine Frau schlecht“, Z.426) gedeutet werden. Doris wendet sich von Hubert ab und gleichzeitig der Erkenntnis zu, dass sie ein neues Leben beginnen muss. Das Aufgreifen der Assoziation des Friedhofs, des Begraben Seins und des Regens (vgl. Z.435) unterstützt diese Deutung. Die Folge ihrer Abkehr von Hubert scheint auch die Abkehr ihres Glaubens an eine Ehe aus Liebe zu sein. So belegt sie diesen Entschluss durch den Aufbau eines pseudomoralischen Gebildes: Sexualität legitimiere sich aus Liebe oder Geld (Z.427). Doris hat gelernt, dass Beziehungen vielschichtige Interessen verfolgen und erheuchelte moralische Bedenken der Durchsetzung des eigenen Vorteils dienen.

Die weitere Darstellung von Doris Verzweiflung wird durch bildhafte Sprache, synästhetische Beschreibungen („die Luft war so weiß und kalt und naß wie ein Bettlaken“, Z.429), beschrieben. Schwäne symbolisieren dabei das Gefühl der Ablehnung durch die Oberschicht.

Keun bedient sich schließlich der aus dem Film bekannten Montagetechnik, indem sie eine ungewöhnliche Assoziationskette (vgl.435f.) verwendet, um Doris Gedanken erneut auf den Pelz zu lenken, den sie gestohlen hat. Dies zeigt ihre Hinwendung zu den Statussymbolen des Reichtums und ihrem Ziel, dieser gesellschaftlichen Schicht anzugehören, was augenscheinlich durch die enttäuschte Liebe zu Hubert verstärkt wird.

Ihr unkritisches Verhalten gegenüber der Welt der Reichen und der Filmstars wird durch ihr Parfum deutlich, welches sie als identitätsstiftendes Merkmal empfindet: „Chypre – was ich bin“ (Z.441). Sie reduziert sich gänzlich auf die äußeren Merkmale des Reichtums. Dies kumuliert in der Personifikation des Pelzmantels und der Projektion ihrer Wünsche auf diesen: „Der Mantel will mich, ich will ihn“, Z.443. Diese Darstellung nimmt groteske Züge an. Der Mantel als Symbol der Glamour-Welt, deren Teil Doris sein möchte, wird dabei schon zuvor deutlich als Ersatz für Hubert und damit für eine erfüllte Liebe gedeutet: „Der Mantel […] hatte mehr schlagendes Herz für mich als Hubert“, Z.403.

Abschließend kann festgehalten werden, dass die Beziehung zu Hubert deutlich macht, in welchem Dilemma sich der neue Frauentyp, dem Doris nacheifert, am Ende der Weimarer Republik befand. Die Abkehr vom traditionellen bürgerlichen Frauenbild zeigt einerseits die Konflikte mit dessen moralischer Bigotterie auf, andererseits die Illusion einer selbstbestimmten, unabhängigen Frau. Doris, die schmerzlich erfahren muss, dass sie von ihrer Liebe Hubert benutzt wurde, nimmt im Verlauf der Romans ihr Leben in die Hand, in dem sie sich in das Getümmel der Großstadt stürzt. Dass ihre Wünsche und Ziele sich als naive Traumwelt entpuppen, ahnt der Leser indessen bereits im vorliegenden Textausschnitt. Die Verhaltensmuster, die sie in der gescheiterten Beziehung zu Hubert erfahren muss, prägen ihre Werte und Idealvorstellungen im Verlauf des weiteren Romans.

 

Protokoll vom 12.10.17 und vom 13.10.17

Die Stunde am Donnerstag, dem 12.10.17 begann mit dem neuen Thema, der Kunstrichtung, „Die Neue Sachlichkeit“. Dies ist eine Gegenbewegung zum Expressionismus und kann ungefähr in die Zeitspanne von 1918-1930 eingeordnet werden. Die „Neue Sachlichkeit“ beruht auf einer objektiven und distanzierten Beschreibung und enthält hauptsächlich Ereignisse aus dem bürgerlichen Milieu/ Arbeitermilieu. Sie wird auch als eine Richtung der Literatur der Weimarer Republik bezeichnet. Die Weimarer Republik ist durch die Vermehrung der Rechte, Freiheiten und der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau gekennzeichnet. Diese Epoche spielt hauptsächlich in Berlin und hatte auch viele Einflüsse auf Musik, Filme etc.

Mit dieser Kunstrichtung wollte man auch die Gleichberechtigung ausbreiten, indem die Literatur nicht mehr wie früher nur für die Intellektuellen war, sondern für alle, weswegen man sie auch Gebrauchsliteratur nennt.

Passend zu dem Thema beschrieben und analysierten wir das Bild „Marcella“ von Christian Schad aus dem Jahre 1926:

Marcella, 1926 - Christian Schad

Obwohl die Ersteindrücke zu Beginn ziemlich kontrovers waren, schien das Bild im Allgemeinen sehr realistisch, emotionslos bzw. nüchtern. Die Frau verdeutlicht die Klarheit und Einfachheit der damaligen Situation und präsentiert das neue Frauenbild der damaligen Zeit.

Das Bild verglichen wir anschließend mit einem Zitat aus derselben Zeit: „Nichts ist verblüffender als die einfache Wahrheit. Nichts ist fantasievoller als die Sachlichkeit.“

Dieses Zitat drückt die Überzeugungskraft der einfachen Realität aus, die keine Übertreibungen nötig hat, um verstanden zu werden. Die Wahrheit wird somit realistisch und nüchtern geschildert. Bezogen auf das Bild „Marcella“ steht die Frau (bzw. der Blick der Frau) für die emotionslose Wahrheit. Der Hintergrund und alle anderen nebenstehenden Dinge sind realistisch und sachlich, also wahrheitsgetreu, abgebildet.

Zusammenfassend dient diese neue Epoche dazu, die Wahrheit anhand von sachlichen Darstellungen und Beschreibungen zu demonstrieren und auf diese aufmerksam zu machen. Die Literatur beruht auf nüchternen, klaren und einfachen Schilderungen.

Da die „Neue Sachlichkeit“ eine Gebrauchsliteratur ist, wurden viele Tagebucheinträge in Form von Romanen veröffentlicht. Der Grund dafür ist, dass Tagebücher meist in einfacher und alltäglicher Sprache geschrieben und somit für Menschen jeder sozialen/gesellschaftliche Klasse verständlich sind. In der zweiten Hälfte der Stunde analysierten wir einen Romananfang, der aus Tagebucheinträgen besteht. Wie zuvor genannt, werden Umgangssprache, wörtliche Rede und Spiegelstriche gebraucht. Diese sprachlichen Auffälligkeiten sind Beweise für das bloße Niederschreiben der Gedanken, ohne diese in gehobene Sprache umzuformulieren. Diese persönliche und einfache Schreibweise enthält ebenso Jargons wie z.B. „Entenpopo“. Die Spiegelstriche stellen den Text sehr assoziativ dar, sodass den Text kein roter Faden durchläuft, weswegen der Text sehr unstrukturiert wirkt, ebenso wie es unsere Gedanken sind. Kurze oder nicht ausformulierte Sätze, Aneinanderreihungen und die häufige Verwendung der Konjunktion „Und“ unterstützen die Wirkung, als sei die gesprochene Sprache aufgeschrieben worden.

Im Allgemeinen ist die Sprache einer einfachen Bürgerin zu erkennen.

In der Deutschstunde an dem Freitag den 13.10.17 analysierten wir denselben Romananfang auf direkte und indirekte Charakteristika der Person Doris.

Doris ist eine 18 Jahre alte, schwarzhaarige, getaufte und christliche junge Dame, die aus dem Arbeitermilieu stammt (vgl. Z.32-33). Sie möchte auf dem gesellschaftlichen Rang aufsteigen  und zu etwas „Besserem“ werden (vgl Z.23-24, Z.25-26, Z. 16). Deswegen ist sie auf ihr Aussehen bezogen perfektionistisch bzw. körperbewusst (vgl Z.26). Im Allgemeinen fällt es ihr schwer „nein“ zu sagen (vgl. Z.6). Sie war ein Mal verliebt (vgl Z.13)und spricht im Gegensatz zu ihren Eltern fast ohne Dialekt (vgl. Z.18-19), was ihr wichtig zu sein scheint.

Indirekt erfahren wir, dass Doris nicht akademisch ist bzw. keinen hohen Bildungsstand besitzt (vgl. Z.37, 46f) und dennoch einen gesellschaftlichen Aufstieg erlangen möchte (vgl Z.18-20). Sie führt einen exzessiven Lebensstil (vgl Z. 5ff), ist realitätsfern (vgl Z.22-23), naiv und träumt viel (vgl. Z. 24, 46-47).

Alles in Allem kann man aus dieser Charakterisierung ableiten, dass Doris‘ Selbstbild nicht mit der Realität übereinstimmt und ihre Lebenssituation sehr von ihrer Zukunftsprojektion abweicht.